12. November 2014

Drei Gedanken zum Tod von Karl Osner

Jörg Hilgers, Programmreferent EDP e.V.

Unsere letzte Begegnung mit Karl Osner im Team der EDP e.V. Geschäftsstelle war am Tag vor seinem diesjährigen Geburtstag, 13. März 2014. Unsere neuen Mitarbeiter/-innen sollten endlich unseren Gründungsgeschäftsführer kennen lernen. Auch ihm war dies wichtig. Wir sprachen – kaum überraschend – über ‚sein Kind‘: die EDP Methodik. Es ging insbesondere darum, wie ein Programm organisiert sein könnte, in dem eine wissenschaftliche Verständigung über Armutsursachen und Armutsbekämpfung zwischen Vertretern gegensätzlicher Schulen der Ökonomie angestrebt wird. Selten habe ich in unserem Kulturkreis ein Fachgespräch erlebt, in dem so viel Ruhe und Nachdenklichkeit über wenige, langsam gesprochene Sätze herrschte. Vordergründig seiner Erkrankung und seinem hohen Alter geschuldet, haben wir Mitarbeiter/-innen ‚lange‘ auf seine Antworten auf unsere Fragen ‚gewartet‘. Aber nicht allein Krankheit und Alter waren verantwortlich dafür, wie er auf uns einging. Karl Osners Bestreben, das, was geäußert wurde, in seiner ganzen Tiefe zu erfassen und dem infrage Stehenden nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden – das hat für mich diese Begegnung geprägt.

In den Sitzungen des EDP e.V. Fachbeirates waren für mich Karl Osners kritische Rückfragen zu den jeweiligen EDP Programmkonzepten meist die größte Herausforderung. Als einer der zuständigen Programmreferenten Rede und Antwort stehen, wenn die versammelte Kompetenz aus Institutionen der Weltkirche und der Entwicklungszusammenarbeit ein Konzept genauestens unter die Lupe nimmt – das ist nicht einfach. Meist waren es aber die Rückfragen von Karl Osner, die es wirklich in sich hatten: „Worin besteht die Innovation im Selbsthilfe-Ansatz dieser EDP Partnerorganisation?“ Wer es bis dahin noch nicht verstanden hatte, dem wurde spätestens dann klar, worauf es für ihn bei EDP hinaus zu laufen hat: Das Potential armer Menschen sichtbar machen… - und mit welchen Mitteln sie Schritte aus der Armut gehen. Das Spezifische einer Strategie der Armutsbekämpfung erfahrbar machen. Und natürlich: Eine Verständigung darüber suchen, wie diese Erfahrung in anderen Kontexten zur Geltung gebracht werden kann!

Dem Menschen, dem ich begegne und dem, was er oder sie mir in einer existentiellen Weise sagt, ‚innewerden und Antwort geben‘: Diesem ‚dialogischen Prinzip‘ Martin Bubers verpflichtet, hat sich Karl Osner vor allem von denen zu einer existentiellen Antwort herausgefordert gefühlt, die in dieser Welt von Großen und Mächtigen klein und ohnmächtig sind. Wie denjenigen eine Stimme geben, die in der Kakophonie sehr lauter Stimmen nie zu hören sind? Exposure und Dialog ® gemeinsam mit Süd-Partnern zu entwickeln und bei der Deutschen Kommission Justitia et Pax institutionell zu verankern, war seine Antwort. Oder einfacher:„Make the invisible poor women visible,“ wie es in seinem Auftaktimpuls für das EDP bei SEWA im Jahr 1999 nachzulesen ist. In Indien hatte er bei Hermann Bacher SJ, dem Begründer der Vorläuferorganisation von Watershed Organisation Trust bereits Mitte der 1980er Jahre eine Art ‚Handlungsprinzip‘ kennen gelernt. Will man gesellschaftlichen Wandel voran treiben, muss man eine günstige Gelegenheit ergreifen und zielstrebig nutzen:„Opportunity is the Guru of Men!“ – Gegen eine typisch deutsche und vielleicht sogar typisch kirchliche Form des Bedenkenträgertums hat Karl Osner mit der zielstrebigen Begründung und Weiterentwicklung von Exposure und Dialog ® alle Gelegenheiten ergriffen, die sich ihm boten. Statt sich nach seiner Pensionierung vom Staatsdienst aufs Altenteil zurück zu ziehen, hat er sich ganz verausgabend viel gewagt – und wie ich finde, sehr viel gewonnen!