01. Juli 2019

“Cocoa Floor Price 2,600 US Dollar !!!”

Was bedeutet der neue Kakao-Mindestpreis (FOB) für die Bauern in Côte d‘Ivoire und Ghana?

Ein Disskusionsbeitrag von Jörg Hilgers
(download the englisch version here)

Viele Sektorexpertinnen und Beobachter reiben sich verwundert die Augen, manche freut es: Die beiden größten westafrikanischen Kakaoexportnationen wollen ernst machen mit ihrer traditionellen Marktstärke, um einen höheren Verkaufspreis für Rohkakao zu erzwingen: „Die beiden… Länder Ghana und Elfenbeinküste forderten bei einem Treffen mit Käufern in Accra am Mittwoch einen Mindestpreis von 2,600 Dollar (2.302 Euro) pro Tonne des Schokoladenrohstoffes... Der Chef des staatlichen Ghana Cocoa Board, Joseph Boahen Aidoo, sagte…, die Forderungen seien grundsätzlich akzeptiert worden. Bei einem Folgetreffen solle die Umsetzung der Vereinbarung erörtert werden. Bis dahin würden Ghana und die Elfenbeinküste den Verkauf der Ernte 2020/2021 aussetzen. Er sprach von einem „historischen“ Schritt. Jahrelang hätten die Käufer den Preis bestimmt. Die beiden Länder zeichnen für 60 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion verantwortlich. Yves Kone, Chef des ivorischen Kaffee- und Kakaorats, forderte einen Preis, der auf „eine annehmbare Vergütung“ für die Mühen der Arbeiter hinauslaufe. Der Kakaomarkt ist rund 100 Milliarden Dollar wert, von denen nur 6 Milliarden an die Produzenten gehen.“ (FAZ Net, 13.06.2019)

Akteure wie Fairtrade begrüßen diese Entwicklung: „'We believe in sharing the benefits of trade more equally, and welcome this move by the governments to shore up cocoa farmers’ incomes' said Jon Walker, Fairtrade International’s Senior Advisor for Cocoa. 'We will be actively engaging with the cocoa regulatory bodies in each country to understand how the Fairtrade structure, including our Minimum Price, will fit in with their plan.' “

Für Friedel-Hütz Adams (Südwind-Institut) "...[ist der] geplante Mindestpreis... nicht besonders hoch. 'Er wird nicht ausreichen, um die Armut nachhaltig zu reduzieren', so der Forscher. 'Aber es ist der erste Versuch der Regierungen, mit einer Art Opec für Kakao zu experimentieren und eine Mindestabsicherung nach unten festzulegen.'" (https://www.dw.com/de/opec-f%C3%BCr-kakao-erzeuger-wollen-mindestpreis/a-49264770)

Zweifel an der Realisierung und den Auswirkungen der Strategie für die ghanaischen und ivorischen Volkswirtschaften sind angebracht. Gibt es inzwischen genügend angemessene, qualitätssicherende Lagerstätten für mindestens zwei Jahresernten Rohkakao, um den Terminmärkten in London und New York die Stirn bieten und den Aufkäufern tatsächlich die Ware so lange vorenthalten zu können, bis ein Preis von USD 2.600 gezahlt wird? Die Finanzministerien benötigen die Kakaoexporterlöse, um die öffentlichen Haushalte zu stabilisieren. Ist sich - konkret – vor allem die ghanaische Regierung, die den dortigen Kakaosektor zentralistisch koordiniert, wirklich einig, das konsequent durchzuziehen? Was passiert in der ‚exportfreien Zeit‘ mit den Bauern, die auf den Verkauf ihres Kakaos zu fast jedem Preis angewiesen sind? Wenn diese und einige andere Fragen nicht zur Zufriedenheit aller Akteure in der Wertschöpfungskette beantwortet werden, bricht die Glaubwürdigkeit dieser Vermarktungsstrategie zusammen!

Eingedenk der prekären Einkommenssituation der Erzeuger, die wir in drei Ghana Exposure- und Dialogprogrammen (2017-2019) wahrgenommen haben, müßte Ghana Cocoa Board den Abhof-Preis für die Bauern zumindest Schritt für Schritt nach oben korrigieren – und dies nicht nur auf dem Papier! Nur wer genau hinschaut, erahnt, wo die eigentlichen Herausforderungen liegen. Es könnte sich für alle Beteiligten lohnen, die Unregelmäßigkeiten in der inländischen Lieferkette zu bereinigen, damit die Bauern auch das Geld erhalten, das ihnen nominell zusteht, um mittelfristig überhaupt im Geschäft bleiben zu können – und das heißt; dieses Geschäft für ihre Nachkommen attraktiver zu machen.

Beispiele? Die Kalibrierung von Waagen in allen Anbauregionen überprüfen und bislang außerordentlich intransparente Abschöpfungen von den in „64kg-Säcken“ angelieferten Kakaobohnen, die bei lizensierten Transporthändlern gelagert werden, dokumentieren sowie evidenzbasiert begründen; z.B. was „Restfeuchte“ der Bohnen und die tatsächliche Eigentumsverhältnisse betrifft. Das wären wichtige Schritte – allerdings weit unterhalb der bi-nationalen Vermarktungsstrategie, die sich auf die Einkommen der Bauern positiv auswirken würden.

Den grundlegenden Nachhaltigkeitsherausforderungen für den kleinbäuerlich geführten Kakaosektor ist mit einem höheren FOB Preis noch nicht einmal annähernd Genüge getan. Davon ist unser EDP Partner Emmanuel Ntiri, Director, Goshen Global Vision, überzeugt:

„The cocoa sector, especially in Ghana is in dire need for rescue. The reason being that, aside the many know problems such as the average cocoa farmers' age becoming older and older, another technical problem is that a lot of the farms are experiencing dying of the cocoa tress. [Cocoa Health Extension Division] has attributed this to the fact that the cocoa trees are too old and have rolled out re-planting of [new seedlings on] the farms. This may not be the actual reason because young farms established just about 12 years ago are also facing the same problems. Now the global pricing is putting the nation in a very critical situation. As it is, as a result of the hedging at USD 2,600 and the fact that we can sell a certain minimum tonnage, Ghana is left with either selling low quantity and storing the rest of the stuff or release all to the market and sell at cheaper price. For whichever of the options, Ghana will have low income and the farmers are going to be poorer.

There is a strong need for diversification from cocoa into other crops particularly annuals such as maize and rice and develop their value chain as has been done for cocoa. This will attract some people to divert into the annuals while also ensuring food security and lowering poverty. Personally, I think that the re-planting of the so called old cocoa trees, dead cocoa trees etc should be done carefully and in line with the cocoa suitability maps of Ghana to avoid waste of the farmers' time and life. As it is now, Ghana is in serious trouble!” (Emmanuel Nitiri, persönliche Kommunikation, Email 17. Juni 2019).

Zum Überleben des Kakaoanbaus in Westafrika sind höhere Preise allenfalls einer der relevanten Meilensteine. Die Adaption an den Klimawandel, der den Anbau auch moderner Kakaosorten nur noch in sehr wenigen ausgewählten Regionen des Landes sinnvoll macht und die Entwicklung alternativer landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten für die große Masse westafrikanischer Erzeuger*innen bleibt weiterhin eine Herkulesaufgabe.

Emmanuel Ntiri bringt es auf den Punkt: Es geht darum, Ernährungssicherheit und Wohlfahrt zahlreicher, extrem hart arbeitender kleinbäuerlicher Familien in den nächsten Jahrzehnten durch evidenzbasierte Landwirtschafts- und Entwicklungspolitik sicherzustellen und auf diese Weise, Armut zu reduzieren und die Landflucht vor allem junger Menschen einzuhegen. Was die Governance der Kakaowirtschaft in Ghana selbst betrifft, sind darüber hinaus weitere drängende Fragen unbeantwortet; Beispielthema Transparenz. Wann wird COCOBOD einen Rechenschafts- und Finanzbericht veröffentlichen?

Tiefere Einblicke zu einigen dieser grundsätzlichen Fragen erhalten Sie in der Analyse von EDP Teilnehmer Prof. Dr. Helmut Asche (Whose cocoa? Occasional Paper, 2018), die wir Ihnen gerne auch per Briefpost zusenden.

Kommentare bitte an hilgers(at)edpev.de